Food Styling – welch geflügeltes Wort. Toll klingt es, aber was verbirgt sich dahinter?

Im klassischen Sinne ist ein Foodstylist nix anderes als ein Visagist für Lebensmittel. Es geht um die Herstellung, Veredelung und auch um das Präparieren von Essen um diese für Werbezwecke abzulichten. Der Endkunde soll ein rundum passendes Bild vom Lebensmittel erhalten, daß ihn zum Kauf animiert. Essen kann man die Lebensmittel danach meist nicht mehr.


Soweit zur Theorie. Die Foodblogger-Praxis sieht etwas anders aus. Wir gehen an ein Essen und ein Foodbild anders heran. Wir sind Foodblogger und wir essen, was wir kochen. Nur so können wir kostengünstig überleben. Würden wir jedes Essen, was wir kochen nur für das Foto kochen, wären wir in kürzester Zeit verhungert und finanziell ruiniert. Gut, ich gebe zu, ab und an ist das Essen kalt, wenn man es essen möchte, aber auch da hilft die Technik in Form eines Herdes, um es wieder warm zu bekommen. Simsalabim.

 

Wenn ich an meiner Anfangszeiten als Blogger denke, könnte ich mir heute die Haare raufen und vor Scham im Boden versinken.

Ich habe gekocht und als das Essen fertig war, habe ich es auf irgendeinen Teller gepackt und stand dann da mit dem dampfenden Essen und habe mir dann überlegt, wo ich das Mampfi fotografieren soll, wo mein Smartphone zum fotografieren grad liegt, ob das verfluchte Ding aufgeladen oder wieder leer und wieso die Sonne schon wieder hinter dem Horizont verschwunden ist und wie ich jetzt Licht mache.

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Heute, ein paar Monate später, sieht das etwas anders aus. Ich besitze 4 Tageslichtlampen, Diffusoren, eine Spiegelreflexkamera, diverse Stative, Mikrophone, Tonaufnahmegeräte, Fotountergünde, Probs und zig Arten von Tellern und Bestecken. Ein Zimmer in der Wohnung ist nun ein Fotostudio geworden. Ich bezeichne es gerne bildlich als das Herz von Kochhelden.TV. Hier entstehen Gedanken, Rezepte, Texte und Videos.

 

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Aber neben all dem technischen Firlefanz hat sich meine Herangehensweise geändert und dies verdanke ich vor allem Jeanny und Susanne mit Ihrem Workshop „Shoot the Food“.

Heute überlege ich mir ein Gerichtethema, suche mir meine Zutaten dazu, die passen, gehe dann dazu über ein Rezept daraus zu zimmern oder begebe mich auf die Suche nach ähnlichen Rezepten. Dann baue ich mir meinen Fotoaufbau mit einem leeren Teller zusammen, leuchte aus, stell die Kamera ein und erst dann schalte ich den Herd an.

Ist das Essen fertig, stell ich es nur noch in den Aufbau und shoote. Wenn ich schnell bin und ein gutes Auge habe, kann ich mein Essen sogar noch warm verhaften. Macht irgendwie mehr Sinn.

 

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Für Köche, die kein Bild von Ihrem Essen machen, sondern den Teller Ihren Kunden im Restaurant vorsetzen, zählt die Komposition auf dem Teller. Seitdem ich viel mit Köchen zusammenarbeite, lege auch ich ein Augenmerk darauf, wie mein Teller aussieht, wie die bildliche Anordnung ist und ob diese dann zum Fotoaufbau passt. Königsdisziplin – da haben die Kreativsynapsen Party.

 

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Ich habe mit drei Spitzenköchen gesprochen, wie Sie Ihre Teller bauen und das könnte unterschiedlicher kaum sein.

 

Benjamin Schuster, Sternekoch im Délice in Stuttgart verrät mir: „Oftmals entstehen die Teller durch Zufall, wenn man verschiedene Geschmäcker im Mund hat und diese sehr gut zusammen passen. Natürlich spielt da Erfahrung mit, was man irgendwo, irgendwann gekocht oder gegessen hat. Wie ich die Teller anrichte, darüber mache ich mir Gedanken wenn ich alle Komponenten zusammen habe.“

 

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Benjamin Schuster vor dem Delice

 

Lars Schürer vom Tafelhaus in Backnang und Teil der Kochhelden-Spezialisten-Crew, geht erst beim Bauern oder auf dem Wochenmarkt einkaufen und dabei kommen ihm Ideen zu neuen Gerichten. Diese kocht er dann, testet und wenn das ganze stimmig ist, landet das Gericht auf der Karte.

 

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Lars Schürer, kurz bevor er einem Heilbutt zeigt, wer der Chef ist

 

 

„Ganz am Ende steht für mich die Auswahl des Tellers und die Komposition auf diesem. Und die entspringt meinem kranken Hirn.“, erklärt mir lachend Lars Schürer.

 

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Vorspeise von Lars Schürer

 

Ganz anders geht Sternekoch Benjamin Maerz von der Maerz in Bietigheim an seine Teller heran.

Ich überlege mir zuerst, auf welchen Teller möchte ich anrichten. Oft kaufe ich zu jeder Karte neue Teller, da sich nichts wiederholen soll und der Kunde immer neu überrascht werden soll. Habe ich den Teller ausgewählt, mache ich mir Gedanken zur Präsentationsform – passen zu dem Teller Kreise, Halbkreise, möchte ich eine Linie ziehen, baue ich in die Höhe oder eher flach, wird es dynamisch durch Punkte und Kugeln?“

 

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Nachdem der Teller und die Komposition feststeht, sucht sich der Sternekoch das Tellerthema und die passenden Zutaten und beginnt erst dann das Gericht zusammen zu stellen und anzurichten. Benjamin Maerz legt Wert darauf, daß alle Texturen vorhanden sind:

„Ich mag es, wenn etwas Flüssiges, etwas Festes und etwas Crunchiges auf dem Teller Platz findet.“

 

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Kreation von Benjamin Maerz

 

Egal welchen Weg Spitzenköche wählen, einen Teller zu „bauen“ und egal welchen Weg wir Foodblogger einschlagen, ein schönes Foodbild zu erzeugen, am Ende geht es bei uns allen nur um eins:

Wir wollen für unsere Kunden im Restaurant und Leser auf dem Blog etwas Spannendes bieten und die Menschen für wenige Minuten aus Ihrem Alltag entführen. Ein Aromaerlebnis gepaart mit einer wundervollen Präsentationsform – so entsteht ein Gesamterlebnis, egal ob es ein Blogleser oder ein Gast im Restaurant ist.

Genau das bedeutet für mich Food Styling – Zutaten so zu kombinieren, das ein Gesamterlebnis entsteht.

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Jens

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